christine ahlborn
theater|texte|lyrik

mephisto
die geschichte vom rosenmädchen
nachtschatten
muschelsand
körperbefindlichkeiten
das porträt
 
Mephisto
 
Dein Name klingt dunkel, dem Abgrund zu nahe.
Es steckt in ihm eine Bedeutung, die zu ergründen ich mich immer wieder gezwungen sehe.
Ich bin mit irgendetwas beschäftigt, dabei ist es einerlei, was dieses irgendetwas ist,
plötzlich steht dein Name vor mir und ich beginne.
Es scheint, als sei kein Ausweichen möglich, und strahlt die Sonne auch noch so sehr vom Himmel herab.
Wir Menschen haben die Wahl und unterstellen uns doch, in der Mehrzahl, dem Schändlichen.
Dann dürfen wir für einen Moment unser Unglück vergessen und finden uns in einer Art Paradies wieder:
paradiesische, teuflische Natur.
Oh, anmutige Gegend, wie wohl fühle ich mich an deiner Brust!
Ja, ich habe Recht getan, ich habe Recht getan alles zu tun, was in meiner Macht stand
um dieses Fleckchen Erde mit Sinn und Verstand zu betreten.
Süßlich duftet es hier und Ihro Göttlichkeit möge verzeihen, dass es nicht der süße Duft der Blume ist.
Mephisto! Mephisto, teuflischer Freund, was hast du getan?
Was ist dein Plan? Stellst uns immer und immer wieder auf die Probe.
Weißt doch, dass wir angesichts deiner verlockenden Köder gar zu schnell schwach werden und uns hingeben.
Freund! Freund, würdest du uns nicht locken, gäbe es die Sünde nicht.
Du wirfst die Schuld über uns wie einen allzu abgetragenen Mantel. Dabei ist sie dein allein.
Ziere dich nicht und zieh dir den Mantel über, die Zeit ist gekommen, die Stunde da dich zu bekennen.
Aber nein, flink, flink, flink bist du entschlüpft und unser ist erneut die Schuld.
Ach, wie mühsam das ist!
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Die Geschichte vom Rosenmädchen
 
Es war einmal eine Geschichte, die war so märchenhaft, dass niemand glaubte, dass sie wahr sein könne, aber
ich sage Euch, sie ist wahr, so wahr, wie ich hier sitze und diese Worte niederschreibe. Beginnen wird diese
Geschichte, wie Märchen es tun. Was dann folgt? Lest selbst!
Es war einmal ein Mädchen, das hatte keinen Namen, darum nannten es alle nur das Rosenmädchen.
Das Rosenmädchen verdiente ihr Leben damit, des Sommers, wenn am Rande des Waldes die wilde Rose blühte,
deren Blüten zu sammeln. Hatte es genügend gefunden, ging das Mädchen nach Hause in ihre alte kleine, beinah
schon zerfallene Hütte und stellte dort ein Rosenelixier her. Dieses Rosenelixier, von dem nur sie das Rezept kannte
und vor ihr ihre Mutter und vor dieser ihre Großmutter, die Urgroßmutter und so weiter und immerfort, war wertvoller
als alles Gold, das es im Königreich gab, denn das Elixier besaß die Kraft zu heilen. Jung oder alt, Liebeskummer oder
Schwäche, nur wenige Tropfen des Elixiers genügten und der Mensch, der vorher schwach oder traurig, blaß oder
verzagt gewesen war, fühlte sich dem Leben gewachsen und schöpfte wieder neuen Mut.
Nun begab es sich, dass der Prinz des Reiches eines Tages durch die Wälder ritt, um es, wie jedes Jahr, zu durchmessen
und zu schauen, ob dort noch alles zum Besten stände, das Volk zufrieden sei, tue was seine Pflicht und erhalte was
sein Recht. Wie jedes Jahr ward der Prinz zufrieden mit dem, was sich seinen Augen und Ohren bot. Allein, er ward
sogar zufriedener als alle Jahre zuvor, denn wie er am Walde, am äußersten Rand seines Reiches entlangritt, entdeckte
er zwischen wild blühenden und herrlich duftenden Rosen ein Mädchen, das gar selbst die Schönheit einer Rose besaß,
ja sie noch um ein Vielfaches übertraf. Der Prinz hieß seine Mannen in Stille und Unbeweglichkeit zu verharren, damit
man das rosige Geschöpf nicht erschrecke, dann ging er dem Mädchen entgegen. ...
 
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Nachtschatten
 
Es war einmal eine Zeit, die gestern war und heute noch ist, da lebte das Mädchen Zorya mit Vater, Mutter und
ihrem Bruder in einem kleinen Dorf nahe des Schlosses Elysiae. Alle Dorfbewohner unterstanden dem König
Landwart von Grimm, der unter Seinesgleichen als tadelloser und gerechter Herrscher galt, von den minderen
jedoch gefürchtet wurde. Das Mädchen Zorya zählte an die siebzehn Jahre, da sie ihrem König eines sonnigen
und warmen Tages im Gefolge einiger seiner besten Männer, in ihrem Dorf begegnete. Zorya war nicht besonders
schön, nein, es war nicht ihre Schönheit, die den König aufmerken ließ, es war die Klarheit ihrer Augen, der
er erlag. Zorya besaß etwas, und das bemerkte der König sogleich, das die Frauen, die es gewöhnlich wagten,
seinem Blick zu begegnen, nicht hatten: Reinheit.
Er fand diesen Gedanken interessant, reizvoll, ja sogar erregend. Seit seine Familie das Land beherrschte, gab es
solche Blicke nicht mehr. Leibeigenschaft und Folter hatten sie gesenkt. Landwart wollte Zoryas Blick kennen
lernen. Er war auf dem Weg in den Norden, um dort einen abtrünnigen Vasallen zur Ordnung zu rufen, danach,
würde er zurück ins Dorf kommen. Er würde einen kleinen Jagdausflug machen und hier Einkehr halten. Dabei
hätte er Gelegenheit, das Mädchen näher kennenzulernen. Er ließ den Dorfältesten von seinen Plänen in Kenntnis
setzen und ritt von dannen.
Es kam die Zeit, da die Saat in die Erde gebracht werden musste und die Bäume die ersten zartgrünen Blätter trugen,
da ritt der König mit fünf Mannen im Dorfe ein. Sogleich wurde er von einer Kinderschar umringt, auf die der
Dorfälteste sich, kaum hatte er es gesehen, mit scharfen Worten und Ohrfeigen rechts und links stürzte.
Unter ehrerbietigen Verbeugungen begrüßte er seinen König und versprach sofort, sein Haus für diesen
herzurichten. Landwart nickte, teilte ihm mit, dass er noch vor Sonnenuntergang wieder im Dorf sein werde und alles
zu seiner Zufriedenheit vorzufinden wünsche, dann preschte er mit seinen Männern davon.
Sofort unterbrachen alle im Dorf ihre Tätigkeit. Die Frauen eilten zum Haus des Ältesten und richteten die Stuben für
den königlichen Besuch. Sie stiegen in die Vorratsgruben und suchten das Beste, was diese zu bieten hatten. Die Frau
des Schmieds eilte aufs Feld, rief ihre Tochter und wies sie an, sich zu waschen und ihr bestes Kleid anzuziehen, damit
sie ihrem Herrn aufwarten könne.
Die Tochter des Schmieds war die Schönste im ganzen Dorf und sie wusste es.
Mit Hilfe ihrer Mutter zog sie sich ihr Festtagskleid an, flocht ihr Haar mit duftendem Öl und Blumen und drehte sich
fröhlich um sich selbst.
Es war das erste Mal, dass sie dem König gefällig sein sollte. Sie fürchtete sich ein wenig vor ihm, aber ihre Mutter, die
der König selbst zur Frau gemacht hatte, suchte sie zu beruhigen. Vielleicht hatte er ein Geschenk für sie, ermunterte
sie ihre Tochter. Das Mädchen wurde neugierig. Oh, wäre es doch ein Spiegel, in dem sie sich betrachten könnte, einer
in einer schönen Fassung, um den alle sie beneiden würden. Sie behielt ihren Wunsch für sich, wusste sie doch, dass
ihre Mutter sie schelten würde. Hexenzeug, Teufelskram hatte sie geschrieen, hatte auf den Boden gespuckt und das
Kreuz geschlagen, als sie ihr einmal von ihrem Herzenswunsch erzählte hatte. Allein auf dem Feld, wenn sie mit den
anderen Mädchen ihre Arbeit verrichtete und sie die Köpfe kichernd zusammensteckten, sprach sie darüber. Aber nun
flink an die Arbeit, noch war es nicht soweit. Der Herr würde erst in ein paar Stunden zurücksein und bis dahin würde
sie mit zwei anderen Mädchen die Tafel schmücken, die von den Männern auf dem Dorfplatz aufgestellt ward.
Als alles zur Zufriedenheit hergerichtet war, das Lämmchen am Spieß bräunte, das Geflügel in heller Soße seinen Duft
verströmte, die Honigkuchen eine goldene Farbe angenommen hatten, das Bier in den Krügen schäumte, der Wein mit
Gewürzen schmackhafter gemacht, da kamen sie zurück ins Dorf. Die Pferde, die der König hatte mitnehmen lassen,
waren schwer mit Jagdtrophäen beladen. Eine Rehkuh lag darauf und der Keiler verströmte seinen strengen Geruch.
Sofort kamen die Männer des Dorfs herbei, um die Beute von den Pferden zu nehmen, als sie ein weiteres Tier auf dem
Rücken eines Pferdes erblickten. Entsetzt wichen sie zurück und ein Raunen ging durch die Menge. ...
 
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Muschelsand
 
Still mein Mädchen, sagte die Großmutter, damit ich dir erzählen kann.
Die Geschichte vom Großvater?
Ja, wenn du willst, die Geschichte vom Großvater.
Eines Tages kam dein Großvater in unser Haus, denn er hatte gehört, hier gäbe es elf Töchter, und alle seien
sehr schön und sehr klug und deshalb seien sie sicherlich auch gute Hausfrauen. Und eine gute Hausfrau muss
doch eine gute Ehefrau sein, sagte der Freund zu deinem Großvater und er sagte noch: Eduard, es ist Zeit, dass
du dich verheiratest, das Alter hast du, ein Meister bist du, aber eine Frau hast du noch nicht, geh zu ihnen und
du wirst eine für dich finden. Eines Tages also machte sich dein Großvater auf den Weg. Er kaufte einen großen
Blumenstrauß und ging zu unserem Haus. Mein Vater war da. Er saß mit seiner Pfeife vor der Haustür und schmauchte
vor sich hin, als da ein junger, gutaussehender Mann an ihn herantrat und sagte: Meister Stolpe, ich habe gehört, Ihr
habt da viele rechtschaffend, gute Töchter und da wollte ich doch fragen, ob ich wohl eine haben könnte. Hab
meinen Meister schon gemacht und will mir ein Geschäft aufbauen und schlecht soll’s ihr nicht ergehen bei mir, ich
will ihr ein guter Mann sein. Da schaute mein Vater sich diesen jungen Mann an und wie er so schaute, glaubte er in
ihm einen guten jungen Mann zu sehen. Er sagte deinem Großvater er solle sich setzen, rief dann hinein ins Haus.
Heraus kam meine Mutter, deine Urgroßmutter.
Dein Urgroßvater bat sie Kaffee und Kuchen in den Garten zu bringen, er habe wichtiges zu besprechen mit diesem
jungen Mann und Urgroßmutter solle sich doch auch eine Tasse mitbringen, denn was dieser junge Mann zu erzählen
habe ginge wohl auch sie etwas an. Dann trat er mit dem jungen Mann hinters Haus, hinein in den Garten. Kurze Zeit
später kam auch die Mutter dazu und dann begannen sie zu plaudern und dann wurde noch der Schnaps geholt und
eingeschenkt und dann noch einer und nach einer guten Stunde hatte man sich alles gesagt und die Mutter rief die
Meta, denn sie war die älteste von den Töchtern und die Meta kam und setzte sich dazu und staunte nicht schlecht,
als sie hörte, was denn die Eltern mit diesem fremden jungen Mann schon besprochen hatten und sie schaute von
einem zum anderen und wusste gar nicht, was sie sagen sollte.
Ja, kennenlernen musste man sich erst einmal, dass sei gewiss, beruhigte da auch schon der Vater. Heute Abend
könnte man sich doch an der Kirmes treffen. Abgemacht, sagte der junge Mann und versprach, die Meta um fünf abzuholen.
Und dann kamst du in den Garten, sagte das kleine Mädchen an Großmutters Seite.
Ja, dann kam ich in den Garten und sah die Meta und die Eltern und einen jungen Mann, bei dessen Anblick mein
Herz sogleich zu hüpfen begann. Und da stand er auf, der junge Mann, und stieß fast den Schnaps um auf dem Tisch,
zeigte auf mich mit dem Finger und sagte: Die will ich, keine andere. ...
 
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Körperbefindlichkeiten
 
Celine sitzt im Kaffee.
„Guten Tag, ich hätte gerne eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfeltorte mit Sahne.“ Die Tischnachbarin schaut
hinüber. Sahne? Es gibt zu viele Menschen, die sich nicht zusammenreißen können, denkt sie.
Celine versucht sich zusammenzureißen und isst das Stückchen Torte mit Sahne so, als ob sie es gar nicht äße.
Sie beugt sich darüber, hält den Atem an und hofft, dass niemand sie sieht. Ein Krümel fällt zu Boden, peinlich!
Ihr Fuß gleitet hastig darüber. Trinken ist nicht so peinlich, aber keine Cola, denn light mag sie nicht.
Die schmeckt bitter, wie Gift. Noch ein Krümel. Mist, denkt Celine und ruft: „Oh, hallo Nadine!“ Nadine setzt sich
plaudernd und nimmt light und kommt von der Spritze, sie hat ja nur am Mittag Zeit. Der junge Arzt ist sehr nett:
Also, von ihrer Bettkante würde sie den nicht schmeißen und er hat schon mit sieben seiner Kundinnen geschlafen
und die waren auch alle über vierzig.
„Celine, warum versuchst du es nicht auch mal mit Absaugen?“ fragt Nadine.
„Ja, ich denk mal drüber nach, was kostet das denn?“
„Mein Gott, dass ist doch keine Frage des Preises!“ ruft Nadine empört und die Nachbarin, die mit den Gedanken
über Kuchen mit Sahne, schaut genervt herüber.
„Darf ich ein bisschen?“, fragt Nadine und Celine ist froh, den Teller loszuwerden.
„Danke“, sagt Nadine und Celine sieht, wie sie versucht zu lächeln. Lächeln geht nicht mit Botox, aber sie hat es
zumindest versucht und Celine ist sowieso abgelenkt, denn in dem Moment, als Nadine herzhaft in den Kuchen
beißt und die Sahne einen Schnurrbart macht, kommt Paul ins Kaffee...
 
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Das Porträt
 
Der junge Maler war von nur einem Wunsch besessen: Einmal, ein einziges Mal bloß, seine schöne Geliebte
Arabeske malen zu dürfen. Arabeske aber hatte es ihm untersagt. Den Grund dafür kannte der junge Maler,
den man Ricardo hieß, nicht und er hatte nach dem erschütternden Ereignis nicht mehr gewagt, danach zu
fragen. Es begab sich, dass er eines Tages, trotz ihres inständigen Bittens und seines Schwurs, sie niemals zu
malen, eine Skizze von ihr anfertigen wollte. Arabeske saß mit Ricardos Mutter und Schwester im Garten der
prächtigen Villa, die schon seit ungezählten Generationen im Besitz der Familie war. Sie lebte nun schon seit
einigen Jahren als Gattin Ricardos in seinem Geburtshaus und die Verbindung hatte sich zum Besten entwickelt.
Sie verstand sich nicht nur glänzend mit Ricardo und lebte glücklich an seiner Seite, nein, auch Ricardos Mutter
und Schwester waren ihr mehr ans Herz gewachsen, als sie zu hoffen gewagt hätte. Ihre Passion für die Literatur
hatte die drei Damen fest zusammengeschweißt. Während die Frau Mama und Ricardos Schwester sich lediglich
der Lektüre hingaben, entwickelte sich Arabeske zu einer veritablen Schriftstellerin. Sie hatte, das wurde ihr von
allen Seiten bestätigt, Talent, sogar einige Bände brillanter Lyrik und einen kleinen, durchaus gesellschaftskritischen,
dabei die Familie aber keineswegs kompromittierenden Roman hatte sie mit bemerkenswertem Erfolg veröffentlicht.
Eines Tages nun - die drei Damen Ricardos hatten sich im weitläufigen Park der Villa, an den kleinen, mit Trauerweiden
umsäumten und angenehm schattigen See gesetzt, um über die neusten literarischen Erscheinungen zu debattieren
- begann Ricardo mit dem, was ihm so strikt von Arabeske untersagt worden war. Er begann mit der Arbeit an einem
Gemälde seiner Geliebten. Ricardo, der sich ein Atelier an die Villa hatte anbauen lassen, konnte von seinem Platz aus
die Gruppe der Frauen beobachten. Anmutig und erregt saßen sie beim Debattieren und Ricardo begann mit seiner
Skizze. Sobald er den ersten Strich ausgeführt hatte, hörte er einen kleinen, erschreckten Aufschrei, sah, wie sich seine
junge Frau erhob und mit brennenden Schritten auf sein Atelier zueilte. ...
 
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impressum
texte : ©hristine ahlborn : oktober 2008
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korrektorat : claudia brusdeylins www.brusdeylins.com
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